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In den vergangenen
Jahren führten Hochwasserlagen vermehrt zu
großen Schäden. Auch im Stadtgebiet
Reutlingen (Baden-Württemberg) nahm die Intensität
von extremen Wetterlagen zu. In der Regel fallen
im Stadtgebiet Reutlingen
jährlich zirka 750 bis 800 Millimeter Niederschlag
pro Quadratmeter. Das Stadtgebiet grenzt im Südosten
an die Schwäbische Alb, wodurch es vermehrt
zu Steigungsregen kommt.
Die neu gestellten Anforderungen
an den Hochwasserschutz resultieren aber nicht
aus diesen Niederschlägen, verursacht durch
aufsteigende, sich abkühlende Luftmassen.
In der Vergangenheit entstanden vielmehr Hochwasserlagen
durch große Mengen an Oberflächenwasser.
Starke Gewitter und eine der ständigen weiteren
Versiegelung von Oberflächen nicht gewachsene
Kanalisation setzten immer wieder die gleichen
Stadtteile unter Wasser. Ein
im Jahr 2002 vom städtischen Tiefbauamt begonnenes
Hochwasserschutzkonzept mit zahlreichen Regenrückhalte-
und Überlaufbecken und die Sanierung der
Kanalisation brachten eine deutliche Entlastung,
sodass nur noch vereinzelt vollgelaufene Keller
zu beklagen waren: Im Jahr 2002 kam es zur »Überflutung«
von mehreren Stadtbezirken mit Feststellung des
Katastrophenfalls.
Ein Ortsteil stand teilweise bis
zu zwei Meter unter Wasser; Fußwege zwischen
Reihenhauszeilen verwandelten sich in reißende
Wildwasser. Obwohl die betroffenen Stadtteile
Neckar-Anlieger sind, handelte es sich jedoch
nicht um Überflutungen des Flusses, der ans
Stadtgebiet angrenzend regelmäßig Hochwasser
führt, wovon aber nur bei zehnjährigem
Hochwasser einzelne Gebäude betroffen sind.
Im August 2005, nach mehrtägigem
Dauerregen, füllte sich durch einsetzenden
Starkniederschlag ein offenes Regenrückhaltebecken
innerhalb von wenigen Minuten. Das Becken wurde
für ein Volumen von 1400 Kubikmeter dimensioniert.
Aufzeichnungen von Wetterdiensten hatten eine
Niederschlagsmenge von 53 mm/m2 in einer Stunde
als Spitzenwert und 120 mm/m2 innerhalb von zwölf
Stunden dokumentiert; dies entsprach der doppelten
Monatsmenge. Das drohende Überlaufen veran-lasste
den Einsatzleiter zum Versuch, das Rückhaltevolumen
des Beckens durch Sandsackdämme zu vergrößern.
Nachweislich wurde die Kapazität auf 7450
Kubikmeter Fassungsvermögen erhöht und
dadurch noch größerer Schaden verhindert.
Diese Ereignisse bestätigen die Aussagen
und Modellrechnungen von Meteorologen und Klimaforschern,
welche eine deutlichere Ausprägung von Wetterlagen
prognostizieren. In Zusammenarbeit mit dem städtischen
Tiefbauamt und der Stadtentwässerung Reutlingen
(SER) entwickelte die Feuerwehr Reutlingen auch
eine abwehrende Komponente des Hochwasserschutzkonzeptes
für Hochwasser durch Oberflächenwasser.
Sie umfasst in der Einsatz-planung eine Erfassung
aller kritischen Stellen, wie Verdohlungen und
Verengungen von Wasserläufen sowie Kanaleinläufe
in jedem Stadtbezirk. Hierbei muss oft auf das
überlieferte Wissen der Anwohner und älteren
Mitglieder der örtlichen Abteilungen der
Freiwilligen Feuerwehr zurückgegriffen werden.
Zur Einsatzvorbereitung zählen auch Möglichkeiten
der Informationsbeschaffung. Zusätzlich zu
»Fewis« und »Konrad« des
Deutschen Wetterdienstes konnte mit einer in Karlsruhe
ansässigen Firma eine lokale Warnung vor
extremen Niederschlägen und Gewittern vereinbart
werden. Die radargestützte Wettervorhersage
ermöglicht es, stufenweise für das in
drei Bereiche aufgeteilte Stadtgebiet Warnmeldungen
abzugeben. Ab der Überschreitung von fest
definierten, zu erwartenden Niederschlagsintensitäten
und unter Berücksichtigung der vorhergehenden
Wetterlagen sowie nach Auswertung durch einen
Meteorologen werden über SMS und E-Mail die
Beamten des Einsatzführungsdienstes und die
integrierte Leitstelle verständigt. Bei beginnender
Warnlage werden Einsatzkräfte alarmiert,
um die erfassten kritischen Stellen zu kontrollieren
und blockadefrei zu halten. Gegebenfalls können
durch Sandsackbarrieren Wasserströme eingedämmt
oder auf freie Flächen umgeleitet werden.
Trotz dieser vorbeugenden Maßnahmen ist
auch weiterhin mit einer - wenn auch begrenzten
-Anzahl von vollgelaufenen Kellern und Gebäuden
zu rechnen.
Seit den Ereignissen von 2002 wird auch die technische
Komponente des Hochwasser-schutzkonzeptes geplant
und umgesetzt. In den 1990er-Jahren wurde vermehrt
auf den Einsatz von Elektrotauchpumpen zur Entwässerung
gesetzt. Außer den klassischen Tauchpumpen
TP 4/1 und den Nachfolgemodellen TP 8/1 konnten
auch zwei TP 15/1 in Betrieb genommen werden.
Im Einsatz zeigten sie allerdings gravierende
Nachteile in punkto Schmutzempfindlichkeit. Mit
dem Neukonzept kam der Ent-schluss zweigleisig
zu fahren. Neben durch Verbrennungsmotoren angetriebenen
Pumpen sollten auch leistungsstärkere Elektrotauchpumpen
als Schmutzwasserpumpen beschafft werden. Die
Energieversorgung der Tauchpumpen sollte durch
genormte Stromerzeuger leistbar sein, ohne dass
Anlaufstrombegrenzer oder ähnliche Vor-schaltgeräte
notwendig werden sollten. Das Gesamtkonzept umfasst
zehn Elektroab-wassertauchpumpen ATP 20/1 mit
einer Leistung von 2 000 l/min bei 1 bar sowie
27 Benzinmotorpumpen NP 16 B mit einem Förderstrom
von 1600 l/min. In den vergangenen beiden Jahren
wurden in allen zwölf Teilorten je eine NP
12 B stationiert. Die anderen Pumpen und eine
Reihe von Stromerzeugern werden auf einem zu beschaffenden
AB-Hochwasser mobil gelagert werden.
Im Juli 2006 konnte nun ein für Baden-Württemberg
außergewöhnlicher Abrollbehälter
in Dienst gestellt werden, wenngleich mehrere
dieser Behälter im vergangenen Jahr für
den Katastrophenschutz des Landes Hessen bei der
Firma Jerg in Auftrag gegeben wurden. Kernstück
des AB-Sand/Energie der Firma Jerg ist neben einem
40-kVA-Stromerzeuger eine Sand-sackfüllanlage
der Firma König. Die Sand-sackfüllanlage
hat in vom Tüv Süd überwachten
Tests eine Leistung von bis zu 4 500 Säcken
pro Stunde erreicht. Dies ist möglich durch
die Anordnung von sieben Abfüllstellen. Den
Praxistest bestanden die Anlagen bei den Hochwasserlagen
in Bayern. Befüllt wird der Behälter
per Radlader, Förderband, Betonmischer oder
direkt aus Silos mit (auch feuchtem) Sand, Erde,
Splitt oder Kiesel bis zu einer Korngröße
von 40 Millimetern. Der Antrieb erfolgt elektrisch.
Die Anlage kann optional auch zum Betrieb an der
Zapfwelle eines Traktors oder Unimogs verwendet
werden. Als erste Maßnahme werden 10 000
leere Sandsäcke mitgeführt. Werden Sandsäcke
ohne Verschluss verwendet kommt eine Sandsacknähmaschine
zum Einsatz. Für die Logistik ist dennoch
eine Vielzahl von Einsatzkräften notwendig,
die gruppenweise im Wechsel arbeiten. Für
die Erholungsphasen stehen Sitzgelegenheiten und
Wetterschutz bereit.
Das Zubehör des Stromerzeugers, der in schallgedämmter
Ausführung bestellt wurde, setzt sich aus
einem Verteiler mit integrierten Sicherungsautomaten
und Personenschutzschaltern sowie zwei Leitungstrommeln
zur weiteren Energieverteilung zusammen. Eine
Beleuchtung mittels Lichtmast ergänzt die
Ausstattung.
Zur Planung von Personal und Logistik konnte mit
praxiserprobten Gemeinden in Bayern Kontakt aufgenommen
werden, die wertvolle Erfahrungen mitgeteilt haben.
Für die Logistik sind zwei Szenarien denkbar:
Bei einem Flächenereignis in mehreren betroffenen
Stadtbezirken soll der Abrollbehälter zentral
an einem Sand-/Bau-stofflager aufgestellt werden.
In der Regel sind dort auch Radläder zum
Befüllen der Anlage vorhanden. Der Transport
erfolgt dann in Gitterboxen oder Paletten mittels
GW-Transport oder WLF mit Pritsche und weiteren
Transportfahrzeugen des THW oder des technischen
Betriebsdienstes der Stadt Reutlingen.
Ist nur ein Stadtteil betroffen kann die Sandsackfüllanlage
dort positioniert werden und das angelieferte
Schüttgut in Säcke abgefüllt und
direkt in handlichen Mengen an die Einsatzschwerpunkte
mit kleineren Fahrzeugen verteilt werden. Als
Befüllmöglichkeit sollte ein Radlader
oder Förderband verfügbar sein.
Einsatztaktisch bietet die erste Variante mehr
Möglichkeiten im Hinblick auf die Versorgung
zusätzlich entstehender Einsatzstellen und
der Planung von Bereitstellungsräumen für
Transportfahrzeuge. Im Voraus definierte Aufstellflächen
mit der Festlegung des erforderlichen Bewegungsraumes
abseits des betroffenen Stadtbezirkes beugen auch
der Gefahr der »Plünderung« der
Sandsäcke durch betroffene Bewohner vor.
Die Gegebenheiten vor Ort können in der Regel
dem enormen Flächenbedarf für Beschickung
und Verlastung nicht gerecht werden. Geplant wird
an einem Füllstandort in der Nähe der
bekannten gefährdeten Gebiete und einer möglichen
Redundanz in einem vor Hochwasser sicheren Stadtteil.
So muss nur mit entsprechenden Firmen geplant
werden. Bei der lokalen Positionierung muss zusätzlich
der Transport des Füllmaterials durch Kipperfahrzeuge,
Betonmischer oder Ähnliches bewerkstelligt
werden, die in der Regel nur durch die Privatwirtschaft
gestellt werden können.
QUELLE: BRANDSCHUTZ 09/2006
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